iLlegal housing. 2018 Centre Cultural Andratx, ES

iLlegal housing. 2018 CCA / Centre Cultural Andratx, España

http://www.ccandratx.com/en/p490/agenda_12/illegal-housing-herbert-hundrich.html

vernissage 16. June 2018 / 16.06.18 – 09.09.18 / The exhibition

Des Künstlers geistige Eingreiftruppe Martin Breuninger, MM nr. 24/2018

Für den Bildhauer Herbert Hundrich gibt es ein magisches Licht. Während der Dämmerung bringt es seine Plastiken aus Polyester, Fiberglas und Pigmenten zum Leuchten. Dann fragt er sich: Wer ist gerade nach Hause gekommen? Wer lebt in diesen Skulpturen? Kann man überhaupt in Skulpturen leben? Und wenn ja, wie viele?

Ganz schön durchgeknallt, könnte man meinen. Doch Hundrich ist noch nicht zu Ende: „Man kann in Skulpturen leben – in Gedanken. Skulpturen sind ein wunderbares geistiges zu Hause“, sagt er und spinnt den Gedanken weiter: „Ich bin dort zu Hause, wo mein Geist zur Ruhe kommt und sich wohlfühlt.“

Der andere Pol ist die physische Welt, die ebenfalls Fragen aufwirft: Warum herrscht Wohnungs-not, obwohl so viele Häuser leer stehen? Wie soll sich die Seele ohne Rückzugsort in Würde entfalten? Warum ist das Recht auf Wohnen kein Menschenrecht?

Damit setzt sich Hundrich in seiner Serie „iLlegal Housing“ (Illegales Wohnen) auseinander. Vier Ausstellungen gleichzeitig hat er zu diesem Thema laufen. Seit dem 26. Mai nimmt er an der Schau „Time – Space – Existence“ im Rahmen der Architektur-Biennale in Venedig teil. Beim Skulpturen-Sommer in Bissee bei Rendsburg bewohnen seine Plastiken seit dem 2. Juni Gärten und Park der Gemeinde. Am Samstagabend, 16. Juni, wird in der Sankt-Marien-Kirche im mecklen-burgischen Parchim eine Lichtinstallation in Mauernischen an der Außenwand sowie im Kirchenschiff eröffnet. Der Untertitel „Wir sind hier“ zielt auf die gegenwärtige Debatte um das Kirchenasyl ab.

Und schließlich Mallorca: Ebenfalls am 16. Juni findet im CCA Andratx von 11 bis 14 Uhr eine Vernissage von „iLlegal Housing. It‘s all about Space. Public Space“ (Illegales Wohnen. Alles dreht sich um Raum. Um öffentlichen Raum) statt.

Im Mittelpunkt dieser Serie steht die Besetzung von Raum. Zum einen ganz wörtlich als Hausbe-setzung und Vorenthalten von Wohnraum, zum anderen als Besetzung des Geistes durch Fragen, die, so Hundrich, vom „Nachdenken über wichtige Positionen abhalten“. Zu diesem Thema habe ihn der Zustand der Welt bewogen, sagt er. „Ich sehe Dinge, die illegal sind, aber legal sein müssten, und Dingen, die legal sind, aber illegal sein müssten.“

Wer im CCA nun Bilder von zugemauerten Türen und Fenstern, verfallenen Gebäuden und Obdachlosen unter der Brücke erwartet, wird überrascht sein. Den Espai bevölkert eine Installation von blütenartigen blauen Kelchen, die von Eisenstangen in Sockeln aus Marés-Stein gehalten werden. Ein Gegenstück mit roten Kelchen steht im Hof des CCA. Eine weitere Figur besetzt einen Platz im Café des Kunstzentrums. Offen ist, ob die Besucher sich neben sie setzen, sie auf einen anderen Platz verfrachten, einen Bogen um sie machen, das Personal verständigen …

Das ist ein schweres Thema. Deshalb lege ich Wert auf Leichtigkeit und einen spielerischen Umgang, um andere Sichtweisen eröffnen zu können“, erklärt Hundrich seine Herangehensweise. Sie gründet auf dem, was er „Poesie der Präsenz“ nennt: Die Vielfalt unbegrenzter Möglichkeiten, die in jedem Moment enthalten ist. „Diese Poesie bewirkt, dass ich immer bin, wo ich bin. Ich folge meinen eigenen Regeln und den Notwendigkeiten, die das Leben von mir verlangt.“

Neben den Plastiken sind im CCA Zeichnungen zu sehen, die parallel zur und in der Auseinander-setzung mit den Skulpturen entstanden sind. Außerdem werden Fotos von Orten gezeigt, die von Hundrichs Figuren in Beschlag genommen wurden: ein Raum im Palazzo Mora in Venedig, ein Stück Grün in Bissee, das Meer von Santa Ponça, eine Straßenecke in der Altstadt von Palma. Scherzend bezeichnet sie der Künstler als „geistige Eingreiftruppe zu Wasser, zu Land und in der Luft“.

Und was, wenn ein „illegaler Bewohner“ aus einem Garten oder einer Mauernische verschwindet? Einmal mehr verblüfft der Künstler mit seiner Antwort: „Sie können nicht geklaut, sondern nur in ein Zuhause eingeladen werden.“ In ihrer – geschützten – Behausung im CCA kann man sie bis Sonntag, 9. September, antreffen.